Berichte 2018

«Wir müssen viel von unseren Mitarbeitenden verlangen»

Spitalratspräsident Martin Waser und CEO Gregor Zünd sprechen über die tief greifenden Veränderungen, die das USZ erfassen, und das grosse Engagement, mit dem sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Herausforderungen stellen.

2019 hat das USZ wichtige Meilensteine erreicht. Schauen Sie zufrieden in das vergangene Jahr zurück?

Gregor Zünd: Absolut. Das USZ hat insbesondere im medizinischen Bereich grosse Fortschritte erzielt. Mit der Inbetriebnahme des Trakts SUED2 im Juni 2019 verfügen wir über eine perfekte neue Infrastruktur mit neusten Technologien und modernsten Konzepten für die Pflege. Die Station für Stammzelltransplantation zum Beispiel hat State-of-the-Art-Isolationszimmer. Die Patienten und Patientinnen profitieren von mehr Komfort und die Mitarbeitenden können besser auf deren Bedürfnisse eingehen. Ebenfalls im SUED2 ist die modernste Verbrennungsstation Europas untergebracht. Und mit der neuen Intensivpflegestation vereinen wir Intensivmedizin und Intermediate Care.

Im SUED2 haben Sie nicht nur neue Prozesse etabliert, sondern auch konsequent ambulante und stationäre Leistungen getrennt. Hat sich der Aufwand gelohnt?

Martin Waser: Ganz bestimmt. Im USZ Flughafen werden wir davon profitieren können. Das sind Leistungen, die sich nicht in Zahlen im Gewinn ausweisen lassen. Sie sind aber der fruchtbare Boden für unsere Zukunft.

GZ: Im SUED2 haben wir die Prozesse für die ambulante Versorgung optimiert. 62 Behandlungszimmer, die über den ganzen Campus verteilt waren, sind heute in 29 Räumen zusammengeführt. Dort wickeln wir rund 100’000 ambulante Besuche ab. Das ist ein perfekter Testlauf für die neuen Prozesse am Flughafen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem finanziellen Ergebnis? Das USZ hat mehr Umsatz erzielt, aber ein Drittel weniger Gewinn.

MW: Wir dürfen nicht nur den Gewinnausweis betrachten, sondern müssen auch sehen, welche Entwicklung das USZ in den letzten Monaten durchlaufen hat. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mussten umziehen und diese Umzüge planen, und zwar parallel zum laufenden klinischen Betrieb. Sie haben das hervorragend gemeistert. Da wir uns auf noch grössere Vorhaben einstellen müssen, sind wir sehr zufrieden mit dem Erreichten. Die Umzüge eines Teils der Belegschaft nach Schlieren und nach Stettbach oder der im Sommer 2020 anstehende Umzug an den Flughafen sind Herausforderungen, mit denen andere Spitäler nicht konfrontiert sind.

GZ: Mit unserer Langfristplanung sind wir auf gutem Weg. Wir werden sehr hohe Investitionen tätigen müssen, aber wir können nicht gleichzeitig investieren und hohe Gewinne ausweisen. Der Gewinn ist wichtig, damit wir uns refinanzieren können. Über alles gesehen, sind wir damit zufrieden: Wir haben den Umsatz gesteigert, weisen eine stabile EBITDA-Marge aus und haben ein deutliches Wachstum im stationären Bereich erzielt, sowohl im privaten als auch halbprivaten Bereich. Besonders stark gewachsen sind wir im ambulanten Sektor und wir behandeln mehr Patientinnen und Patienten mit komplexen Erkrankungen. Zugleich konnten wir die Aufenthaltszeiten im Spital weiter optimieren.

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«Nicht alle Leistungen lassen sich in Zahlen im Gewinn ausweisen.»
Martin Waser, Spitalratspräsident

Mit der Dezentralisierung wollen Sie die bauliche Gesamterneuerung vorantreiben. Dazu gehört, wie bereits erwähnt, die Inbetriebnahme verschiedener Standorte ausserhalb des Zentrums. Warum war das nötig?

MW: Es ist wichtig, dass man das Gesamtkonzept versteht. Wir müssen und wollen hier auf unserem Campus ein neues Universitätsspital bauen. Die Vorgaben dafür haben sich immer wieder geändert. So ist zum Beispiel das Bauvolumen deutlich kleiner als ursprünglich geplant. Diese neuen Voraussetzungen verlangen eine hohe Flexibilität bei der Planung und in der Umsetzung. Damit wir überhaupt bauen können, müssen wir gewisse Bereiche auslagern. Die auf diese Weise gewonnenen Flächen im Zentrum nutzen wir für medizinische Zwecke.

Und Rochadeflächen schaffen Sie auch, indem Sie Büroflächen zu Patientenzimmern umnutzen?

GZ: Das ist richtig. Wir entwickeln den Campus von Osten nach Westen. Das heisst, wir beginnen in der Gloriastrasse mit den grossen baulichen Massnahmen und bewegen uns in Richtung Haldenbach. Deshalb bauen wir im Westen, im NORD2, ein «Rochadespital» auf. Wir konnten dort bereits Büros und Polikliniken in Zimmer für stationäre Patientinnen und Patienten umnutzen. Das Ziel ist, dass diese möglichst weit weg sind vom Baulärm.

Diese tief greifenden Veränderungen sind riesige Herausforderungen für die Mitarbeitenden. Verlangt man da nicht etwas viel von ihnen in so kurzer Zeit?

MW: Doch, natürlich. Da verlangt man extrem viel. Darum sage ich ja: Vor diesem Hintergrund ist das wirtschaftliche Resultat des Universitätsspitals im Berichtsjahr sehr gut. Wir wollen künftig den Erfahrungshorizont und die Anregungen der Mitarbeitenden noch stärker berücksichtigen. Da sind auch unsere Führungskräfte stark gefordert.

GZ: Das nähere Zusammenrücken verschiedener Einheiten ist aber auch eine Chance. Das gilt vor allem für Stettbach, wo heute verschiedene Direktionen unter einem Dach vereint sind. Durch die kürzeren Wege tauschen sich Mitarbeitende unkomplizierter und schneller aus. Aber für rund 600 Mitarbeitende heisst es auch: neuer Arbeitsweg, neuer Arbeitsplatz, neue Arbeitsprozesse, neue Nachbarinnen links und rechts. Dieser Umzug vom Zentrum nach Stettbach war darum ein Kraftakt für alle Beteiligten.

Seit April 2019 hat das USZ eine Klinik für Gefässchirurgie. Warum haben Sie diese geschaffen und wie hat sich die Klinik in den ersten Monaten entwickelt?

GZ: Der Grund für die Herauslösung der neuen Klinik aus der Klinik für Herz- und Gefässchirurgie hat mit der Spezialisierung und Subspezialisierung im Bereich Herz-Kreislauf zu tun. Wir wollen damit die Gefässchirurgie stärken. In Absprache mit der Universität Zürich haben wir darum einen Lehrstuhl und eine neue Klinik geschaffen. Als deren Direktor haben wir Prof. Alexander Zimmermann verpflichten können. Die Klinik entwickelt sich sehr gut.

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«Patientensicherheit kann keine Frage der Menge sein.»
Gregor Zünd, Prof. Dr., CEO

Eine Veränderung gab es auch in der Klinik für Thoraxchirurgie. Diese wird neu von Frau Prof. Isabelle Schmitt-Opitz geleitet.

MW: Ja, es freut uns, dass Frau Prof. Schmitt-Opitz zur Klinikdirektorin gewählt werden konnte. Wir haben mit ihr eine hoch qualifizierte Chirurgin und herausragende Persönlichkeit als Klinikdirektorin gewonnen.

Spitalrat und Spitaldirektion engagieren sich gleichermassen stark in Fragen der Gleichstellung. Wo stehen Sie da?

GZ: Ja, und wir sind mit diesem Anliegen gut vorangekommen. Wir konnten im Berichtsjahr neben Prof. Isabelle Schmitt-Opitz zwei weitere Klinikdirektorinnen verpflichten. Prof. Annelies Zinkernagel wird im August 2020 von Prof. Rainer Weber die Leitung der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene übernehmen und gleichzeitig tritt Prof. Brigitte Leeners als Direktorin der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie die Nachfolge von Prof. Bruno Imthurn an.

MW: Unser Engagement in dieser Sache braucht einen langen Atem. Es ist uns wichtig, beim ärztlichen Nachwuchs dafür zu sorgen, dass strukturelle Behinderungen und Diskriminierungen weggeräumt werden. Der Spitalrat unterstützt das Vorgehen der Spitaldirektion. Gemeinsam mit der Universität Zürich müssen wir das ganze System neu ausrichten, sonst haben wir in zehn, fünfzehn Jahren ein riesiges Problem mit dem Nachwuchs in der Ärzteschaft.

Die Digitalisierung ist ein weiteres grosses Thema im Gesundheitswesen. Das USZ hat im Berichtsjahr Projekte abgeschlossen und neue angestossen. Können Sie Beispiele dafür nennen?

GZ: Ein Beispiel ist die Einführung und Weiterentwicklung eines elektronischen Patientendatenmanagementsystems in der Anästhesie, Intensivmedizin und Neonatologie. Damit können wir Patientendaten, Verordnungen, Leistungen sowie Material und Medikamente dokumentieren, visualisieren und auswerten. Dieses grosse Projekt ist sehr wichtig für uns. Nach anfänglichen Kinderkrankheiten läuft das System sehr gut. Wir haben aber auch zahlreiche andere Projekte umgesetzt wie Angebote der Telemedizin in der Radiologie oder der Dermatologie. Via elektronische Devices können wir mit Partnerspitälern kommunizieren, sei es für die Einschätzung einer Fachperson während der Nachtschicht oder auch die Zuschaltungen in eine Spezialsprechstunde. Auch mit Skype for Business in Stettbach und dem Rollout von rund 1’500 Smartphones für die Ärzteschaft haben wir Voraussetzung geschaffen für weitere Schritte in Richtung Digitalisierung.

MW: Wir arbeiten auch an den Grundlagen für Projekte in der Prävention und in der Kommunikation mit Patientinnen und Patienten, um diese digital zu unterstützen. Alle unsere Bestrebungen sollen am Schluss den Patientinnen und Patienten zugutekommen. Als Universitätsspital haben wir den Anspruch, bei der Digitalisierung in der Medizin an der Spitze mit dabei zu sein.

Das USZ führt ein strategisches Programm zur Eindämmung der im Spital erworbenen Infektionen. Erzielen Sie damit Fortschritte?

GZ: Das Programm zur Reduktion nosokomialer Infektionen läuft gut. Weitere Initiativen sind zum Beispiel die Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen. Diese dienen der konkreten Verbesserung von Strukturen und Prozessen. Dafür haben wir in kürzester Zeit einen Standard etabliert. Die Konferenzen sind ein ganz wichtiges Mittel für eine hohe Patientensicherheit. 

MW: In der Entwicklung des USZ haben wir immer die Sicherheit unserer Patientinnen und Patienten im Fokus. Sie ist bereits sehr hoch und soll laufend verbessert werden. Wichtig wird auch in Zukunft sein, dass wir transparent über die Risiken für Patientinnen und Patienten Auskunft geben und darüber, wie wir damit umgehen und unsere Qualität glaubhaft belegen können.

GZ: Patientensicherheit kann keine Frage der Menge sein, es muss hierzu eine Qualitätsdiskussion geführt werden. Das wäre auch unser Anliegen an die Politik. Denn wir wollen für die Patientinnen und Patienten die bestmögliche Leistung erbringen.

Martin Waser
Präsident des Spitalrats

ist seit 2014 Präsident des Spitalrats. Von 2002 bis 2014 war Martin Waser für die Sozialdemokratische
Partei Mitglied des Zürcher Stadtrats, zuletzt amtete er als Vorsteher des Sozialdepartements.

Gregor Zünd, Prof. Dr. med.
Vorsitzender der Spitaldirektion/CEO

ist seit April 2016 Vorsitzender der Spitaldirektion und CEO. Davor war er tätig als Direktor Forschung
und Lehre des USZ sowie als Managing Director des Zentrums für Klinische Forschung. Er hat einen Facharzttitel für Herzchirurgie und ist Professor ad personam an der Universität Zürich. Gregor Zünd ab-solvierte mehrjährige Auslandsaufenthalte in Houston und Boston.